Junge Welt
Berlin-Friedrichshain: Neonazis machen verstärkt Jagd auf Linke. Antifa will dafür sensibilisieren und Gegenstrategien erarbeiten. Ein Gespräch mit Markus Roth
Markus Roth ist Sprecher der Antifa Friedrichshain. Informationen und Chronik zu rechter Gewalt unter antifa-fh.de.vu
Am frühen Sonntag morgen wurde in Berlin-Friedrichshain eine Gruppe Jugendlicher von Neonazis angegriffen, einige wurden verletzt. Was ist genau passiert?
Der Vorfall reiht sich ein in eine ganze Serie von rechten Angriffen in den letzten Wochen in Friedrichshain. Die jungen Leute waren am Sonntag gegen 6.30 Uhr auf dem Rückweg von einer HipHop-Party und wollten zum S-Bahnhof Frankfurter Allee. Auf der Höhe der Disko »Jeton« rannten etwa 15 mit Schlagstöcken ausgerüstete Vermummte auf sie zu und jagten die Gruppe bis zum Bahnhof. Nur durch einen Sprung auf die Gleise konnten sich die Verfolgten retten, einige trugen Schürfwunden und Prellungen davon. Die Polizei traf erst nach zehn Minuten ein.
Bevor die Angegriffenen Anzeige erstatten, werden sie die Berliner Opferberatungsstelle »Reachout« aufsuchen. Die Polizei hat sich in letzter Zeit nicht sehr rühmlich gegenüber Menschen verhalten, die von Neonazis angegriffen worden waren. Als vor kurzem beispielsweise die linke Kneipe »Sama-Café« in der Samariterstraße von Neonazis gestürmt wurde, wehrten sich die Gäste erfolgreich. Die Polizei stufte die Notwehr als kriminelle Selbstjustiz ein und verhaftete sogar einige der Angegriffenen, während die festgesetzten Neonazis nach Personalienprüfung gehen durften.
Zuletzt haben Berichte über Neonaziaktivitäten in Friedrichshain wieder zugenommen. Warum vergeht kein Wochenende dort ohne rechte Gewalt?
Wir gehen davon aus, daß sich der Täterkreis auf einige wenige Lichtenberger Neonazis und Fußball-Hooligans eingrenzen läßt. Nach dem Verbot mehrerer Berliner »Kameradschaften« durch den Innensenator vor zwei Jahren versinken deren Nachfolgeorganisationen in politischer Bedeutungslosigkeit. Ihre Aktionen erschöpfen sich in Angriffen auf Linke und deren Hausprojekte. Friedrichshain hat erfreulicherweise eine recht große, sich als links definierende Szene und eine alternative Kneipenkultur. Für Neonazis gibt es hier also mehr Reibungspunkte als in Lichtenberg, wo sie in einigen Straßen die Vorherrschaft erkämpft haben.
Aber es scheint auch in Friedrichshain Clubs zu geben, die keine Probleme mit Neonazis haben.
Ja, das bereits erwähnte »Jeton« in der Frankfurter Allee oder beispielsweise das ehemals linke »K17« in der Pettenkoferstraße stören sich wenig an rechtsextremen Gästen, solange es keinen Ärger gibt. Daß die Neonazis ihr Aussehen immer mehr an den Look der linken Autonomen anpassen, macht es allerdings nicht einfacher, sie zu erkennen. Und wenn auf der Straße eine Gruppe schwarz Vermummter eine andere Gruppe angreift, wissen Passanten häufig nicht, was los ist. An Neonazigewalt denken zunächst die wenigsten. Da ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.
Derzeit müssen die Friedrichshainer verstärkt damit rechnen, nachts Zeuge von rechten Übergriffen zu werden oder selbst von ihr betroffen zu sein. Wer das Geschehen schnell einordnen kann, ist auch fähig, besonnen zu reagieren und nach eigenem Ermessen einzugreifen. Die Polizei wird, wenn überhaupt, erst im nachhinein tätig. Das hilft den Betroffenen wenig.
Welche Strategien entwickeln Antifaschisten gegen die Neonazis?
Da stehen wir noch am Anfang. Einerseits muß es darum gehen, daß die Angriffe in der lokalen Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert werden. Andererseits müssen die Bewohner befähigt werden, Neonazis zu erkennen und kompetent reagieren zu können. Auch um eine bessere Vernetzung werden wir nicht herumkommen. Die alternativen Hausprojekte und linken Kneipen haben sich in den letzten Jahren im Kiez zu sehr isoliert und mitunter den Draht zur Nachbarschaft verloren. Es muß ein Klima entstehen, in dem sich Neonazis nicht mehr wohlfühlen – das schaffen Bewohner und Organisationen vor Ort nur gemeinsam. HEIKO JUNG